Erste Schritte in die Selbständigkeit - Wildfräulein geht eigene Wege

Heute, sieben Wochen nach meiner Eröffnungsfeier von Wildfräulein - Lodenkleidung für Berg und Tal, habe ich mir nochmal die Bilder von eben dieser Feier angesehen. Ich habe die Situation quasi von außen und gleichzeitig von innen betrachtet. Der Abend ging so schnell vorüber, dennoch war er einer der wichtigsten in meinem Leben.

Warum?

Ich habe meine Idee und mein Konzept der Öffentlichkeit vorgestellt. Schon oft habe ich Konzepte vorgetragen über Bühnenbilder und Kostüme, meine Entwürfe und Gedanken erklärt. Auch als Bergwanderführerin bin ich es gewohnt, vor Menschen zu sprechen und anzuführen. Der Unterschied war, daß es hier aber nicht nur um Kunst oder Natur ging, sondern erklärt werden sollte, warum ich mich für einen Weg entschieden habe, der außer einer künstlerischen Vision noch einen Lebensentwurf beinhaltet. Wobei der Lebensentwurf ja etwas unglaublich dynamisches ist, nicht wirklich programmierbar. Eine Festanstellung zu tauschen gegen Selbständigkeit und ohne Netz und doppelten Boden, rauszugehen aus der vertrauten Situation, ist da wirklich alles planbar?

Als Kind war ich zwar still, aber störrisch. Aus der Kirche bin ich mit 18 ausgetreten, weil sie mir zu ungerecht schien und für mich weniger mit dem christlichen Gedanken als vielmehr mit einer wirtschaftlich geführten Institution zu tun hatte ( tut mir leid, wenn ich jetzt jemandem auf die Zehen trete). Nun bin ich älter, aber nicht weiser geworden. Mein Bauchgefühl sagte mir: mach es! Mach dich selbständig, damit Du alle Energien, die Dich antreiben, für Dich selber nutzen kannst, um Deine Ideen zu verwirklichen! Andere hätten mehr gerechnet, Zahlen jongliert. Natürlich habe ich mich 10 Monate vor meinem Austritt aus dem Landestheater Schwaben damit auseinandergesetzt, wie das verwirklicht werden soll. Ich habe doppelt gearbeitet. Im Theater und daheim an meinen Entwürfen. Habe Schnitte gezeichnet, ausprobiert und auf meiner kleinen Haushaltsnähmaschine meine Visionen von perfekt sitzenden Kleidung in Loden getestet. Das Wichtigste war mir immer die Linie, der rote Faden, was will ich mit meinem Projekt ausdrücken! Alle Details müssen sich dem letztendlich beugen, das sind die Gesetze der Gestaltung. Den Namen zu finden, das Logo zu entwerfen, erstes Tasten im Nebel mit einem Faltblatt. Viele Fehlstarts waren da am Weg, niemand,mit dem ich im Team brillante Ideen quasi beim Kaffee erschaffe. Das war gar nicht so einfach, ohne gewohnte Partner und Stichwörter von außen den Intuitionen ein Gesicht zu verleihen. Meine Kollegin Franziska Harbort mußte sich dann immer morgens im Büro anhören, was ich da wieder für Gedankensprünge gemacht habe. Franziska, ich bin Dir auf immer dankbar, es war so toll, mal einiges ungefiltert rauszulassen und sich im sicheren Raum zu befinden. Das hat Spaß gemacht und mich weiter beflügelt! Auch unsere Fotossions waren Gold wert! Auch Claudia Herzog-Kaiser hatte stets ein offenens Ohr für ich, am liebsten ganz frühmorgens im Eiscafé...Ihre Hinweise ware eine wertvolle Hilfe für mich. Und so manche/r andere/r hat mir positive Energie gegeben durch gute Gespräche. Freunde sind da sehr wichtig!

Kurz vor dem Sommer war mir dann klar, daß der Businessplan, eine Art Fahrplan fürdie Unternehmensgründung, nun endlich mal in Angriff genommen werden sollte. Den Businessplan braucht man erstens für sich selber als tatsächlichen Fahrplan, zweitens als Beweis für Banken und Ämter, daß man sich das Ganze auch gründlich überlegt hat und Kompetenzen vorweisen kann sowie ein stichhaltiges Konzept und zwar auch und vor allem im finanziellen Bereich.

Alle notwendigen Unterlagen hatte ich da auch schon zusammen, und so ging es dann ans Schreiben. Da wurde das ganze Gedankenspiel dann in eine Form gegossen, das Corporate Identity Design der Firma im geistigen Sinn sozusagen. Das war der entscheidende Schritt, denn nun floss alles Gesammelte auf weißes Papier. In einem Schwung rutschte es auf den Bildschirm des Notebooks. Alle anderen Schritte danach waren Handlungen, die es auszuführen galt. Das Konzept mußte offenbart werden. ich war mir aber schon sicher,daß es trägt. Fest verhaftet mit den Inhalten glaubte ich daran, daß meine Ideen von tragbarer, moderner Lodenkleidung und der Produktion im Allgäu und nicht in Bangladesh tragfähig waren. So durchschritt ich alle Instanzen und saß dann am 01.09.2016 in meinem weißen, auf mich wartendem Atelier in Bad Grönenbach. Gewohnt, am Tag mit vielen anderen gemeinsam zu arbeiten, war ich nun allein mit mir und meinem Hund. Aber es fühlte sich gut an, nach Ärmel aufkrempeln.

Erste Amtshandlung, einen Gewerbeschein im kleinen, persönlichen Rathaus von Grönenbach zu erwerben.

Am Anfang kam ich gar nicht zum Schnitte zeichnen und Nähen, man hat wahrscheinlich gedacht, ich chille so durch den Tag. Aber die Anmeldungen von Telefon, Internet, Strom, Krankenkasse, Rentenversicherung usw. ziehen sich ganz schön hin. Auch die einrichtung der Räume mußte schnell und einfach erfolgen. Ein schöner Arbeitsplatz ist mir wichtig, Geld für teure Möbel war aber nicht übrig, also wieder selbst Hand anlegen und schon stand der Arbeitstisch und drei Tage vor der Eröffnung dann auch endlich meine Präsentationswand, mein Showroom! Ich kann nur jedem empfehlen, genug Zeit einzuplanen bei einer Gründung, bis der Firmenauftritt mal steht, geht schon mal viel Zeit drauf. Vor allem, wenn man wie ich , auch noch Homepage und sämtliche Prints selber gestalten möchte. Doch mir war das sehr wichtig, da ich mich über meinen Beruf gestalterisch positioniere und definiere. Da muß alles passen und dem einen Grundgedanken, der Leitlinie, untergeordnet werden.

Die Einladungen zur Eröffnung waren eine weitere Herausforderung. Zum Glück habe ich da Unterstützung bekommen durch meine Freundin Stefanie Fuchs, der Inhaberin von Fuchs Pr & Consulting in Kempten. Zeit zum Angst haben hatte ich keine, zum Glück! Denn ich nähte an meiner neuen Industrienähmaschine, daß es nur so qualmte.

Die Eröffnung war der Dreh-und Angelpunkt, das erste Zwischenziel. Es war ein besonderes Ereignis für mich, jetzt wurde es noch wirklicher als bisher. Und meinen Gästen hat es gefallen. Der Abend und auch meine Entwürfe. Das war so ein tolles Gefühl. Denn was ich mache, ist ja für andere, es soll gefallen und meine Kleider möchten getragen werden. Das ist ja der Sinn dieser Art von Gestaltung. Am Theater will man ja nicht immer gefällig sein, da gibt es eine andere Ästhetik. Tatsächlich wurde auch direkt bestellt. Viele Modelle sind ja bislang Einzelstücke, die zwar als Konfektionsschnitt vorhanden, aber noch nicht genäht sind. Viele Kunden nahmen dankbar die Möglichkeit zur Individualisierung von Passform, Ärmellängen, Taschen und Farben an. Als Kostümbildnerin mit vielen hundert Anproben ist es für mich selbstverständlich, nach Möglichkeit das Kleidungsstück zu optimieren! Das macht mir auch sehr viel Spaß.

Jetzt, nach sieben Wochen, ist es nicht Zeit für eine Rückschau, dafür habe ich eigentlich gar keine Zeit, aber ein kleines Orientieren, gucken, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Wie aber ganz genau der Weg ausschaut, das lässt sich nicht von allen Punkten aus einsehen, das ist wie in den Bergen: man muß manches auf sich zukommen lassen und gelassen bleiben. Das ist ja das Schöne. es ist dynamisch!

Wildfräulein auf dem Sonnenkopf, Allgäuer Alpen. Ich trage hier mein Kapuzenhoodie "Kreuzspitze" aus bayerischem Tuchloden, sehr atmungsaktiv bei kühleren Temperaturen, leicht zu tragen und ein guter Windschutz. Die große Kapuze ist schnell übergezogen, wenn der Wind auffrischt.  

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Kommentare: 7
  • #1

    Petra (Samstag, 14 Januar 2017 21:36)

    Wunderbar geschrieben meine liebe Sabine, Deine Erzählung berührt sehr.... ich bin sehr stolz auf dich und darauf, eine Freundin von dir zu sein und natürlich auch darüber, eine deiner ersten Entwürfe zu besitzen. Küsschen

  • #2

    Hubert (Samstag, 14 Januar 2017)

    Liebe Sabine, aus der Ferne betrachtet kann ich Dir nur gratulieren zu Deinem Einstieg in die Selbständigkeit. Aus allen Deinen Mitteilungen konnte man Deine Begeisterung und Deine positive Einstellung direkt miterleben. Die Vorstellung Deines Ateliers und Deiner Produkte kann ich nur als professionell bezeichnen, genauso wie Deine ständige Präsenz und der damit verbundene gekonnte Auftritt bei Facebook und auf Deiner Homepage.
    Ich finde, dass Du den richtigen Weg eingeschlagen hast und wünsche Dir auf Deinem neuen Weg viel Glück und Erfolg.

  • #3

    Ulli, im Allgäu daheim ... (Montag, 16 Januar 2017 12:23)

    Herzlichen Glückwunsch zu Deinem Schritt in die Selbstständigkeit. Wir haben Loden , als modernes, altes Gewebe zwar nicht so gekannt, aber trotzdem irgendwie auf Deine Loden-Kollektion gewartet.
    Dein Bericht über den Start gibt Mut. Mut seine Ideen umzusetzen und ordentlich anzupacken. Mut, auf das eigene Bauchgefühl zu vertrauen.

    Ich habe letzte Woche eine Facebook-Gruppe "Erfolgs-Treff Unternehmer und Solopreneure" gestartet. Wie wäre es, wenn Du dazu kommst, und deinen Bericht dort verlinkst. Es ist eine kleiner Schritt für mehr Sichtbarkeit für Dich, und ein "Mutmacher" für die Leser ...
    Mach weiter so,
    Ulli

  • #4

    uschi billmeier (Montag, 16 Januar 2017 15:56)

    Die Schnitte und MAterialien gefallen mir sehr gut!
    Im Sommer werde ich sicher mal vorbeikommen!

    viel ERfolg
    Uschi

  • #5

    Wildfräulein (Montag, 16 Januar 2017 16:04)

    @ Petra @ Hubert @ Ulli im Allgäu daheim @ Uschi Billmeier
    Danke für eure tollen Kommentare! Das spornt weiter an, sein Bestes zu geben und schöne Lodenkleidung für euch zu machen! Gutes Feedback kann ich immer brauchen und freu mich darüber :D

  • #6

    ziggiswelt (Dienstag, 24 Januar 2017 09:49)

    Liebes "Wildfräulein".Ich finde deinen Bericht super toll, so ehrlich und offen.Ich habe richtig mitfühlen können,was die letzten Monate in deinem Leben geschehen ist. In mir sieht es ähnlich aus....vielleicht kann ich es deshalb so gut nachempfunden, allerdings, habe ich den richtigen Weg noch nicht gefunden,bzw. fehlt mir noch der Mut den ersten Schritt zu machen...So viel Verantwortung (habe 3 Kinder...)und so viele Unsicherheiten, halten mich ab.Dein Bericht macht Mut,dass es gelingen kann.Danke dafür.Stephanie aus Isny.

  • #7

    Wildfräulein (Sonntag, 29 Januar 2017 10:08)

    Danke liebe @ziggiswelt für Deinen aus dem Herzen kommenden Kommentar! Ich glaube, daß es für jede/n die Möglichkeit gibt, was zu verändern! Manchmal hilft ein kleiner Schritt und schon schaut die Welt ganz anders aus! Ich wünsche Dir alles Gute für die Verwirklichung Deiner Träume ! Deine Sabine