5 Fragen an Alix von Melle

Ein persönliches Gespräch mit Alix von Melle, derzeit Deutschlands erfolgreichste Höhenbergsteigerin mit sieben bestiegenen Achttausendern ohne Verwendung von künstlichem Sauerstoff.

 

Alix von Melle, geboren in Hamburg, lebt in Füssen im Allgäu und führt mit ihrem Mann, dem Extrembergsteiger Luis Stitzinger, das gemeinsame Unternehmen GO CLIMB A MOUNTAIN.

Beruflich arbeitet sie außer an den gemeinsamen Expeditionen, den dazugehörigen Publikationen und Vorträgen als selbständige PR-Spezialistin und Yogalehrerin (Kurse siehe Homepage) . Ihre Hobbies sind Höhenbergsteigen, Ski-und Eistouren, Laufen, klettern, Yoga, Lesen, klassische Musik und seit einiger Zeit Nähen!

Eine sehr spannende und vielseitige Persönlichkeit also, die ich in den letzten drei Jahren ein bisschen kennen lernen durfte.

Ich mag an Alix besonders ihre frische unkomplizierte Art, ihre scharfe Beobachtungsgabe mit viel Humor und ihr Interesse an anderen Menschen.

 

Bei einer gemeinsamen Wanderung an einen Bergsee in Oberstdorf interessierten mich 5 persönliche Fragen ganz besonders:

Frage 1:

BERGE: ein Wort-viele Gedanken-für jeden etwas anderes. Was denkst oder fühlst DU bei dem Wort BERGE? Was sind BERGE für Dich?

Alix von Melle:

Wenn ich an Berge denke, denke ich sofort an Natur, Bewegung in der Natur, Da geht mir einfach immer das Herz auf, Freiheit, Glück, den Alltag hinter sich lassen. Bergsteigen, ob es eine kleinere Wanderung oder etwas Anspruchsvolleres ist, das gibt mir Kraft und Energie, davon kann ich wahnsinnig lange zehren!

 

Wie kommt man als gebürtige Hamburgerin zum Bergsteigen, insbesondere von 8000ern?

Alix von Melle:

Als Kind war ich schon 2-3mal skifahren, aber richtig in die Berge gekommen bin ich durch mein Studium in München, wo ich beim Hochschulsport alle Spielarten des Bergsteigens, Klettern, Skitouren, Eiskletterns, Hochtouren ausprobieren konnte und auch meinen späteren Mann (Anmerkung: Luis Stitzinger) kennengelernt habe, der heute als Expeditionsleiter arbeitet. Da habe ich so gespürt, dass ich angekommen bin bei mir selber, dass das Bergsteigen genau meins ist.

In den Alpen habe ich dann alles rauf und runter bestiegen. Als ich mit meinem Mann auf die erste Expedition gefahren bin, die er damals geleitet hat, habe ich das als große Chance gesehen.

 Es hat mir dann sehr viel Spaß gemacht, andere Länder und Kulturen, Religionen kennenzulernen, immer in Verbindung mit einem Berg. Anfangs waren es 6000er, 7000er, bis der Wunsch kam, einmal einen Achttausender zu besteigen! Und das hat dann auch gleich geklappt und so kam es, daß wir fortan jedes Jahr an einen 8000er gefahren sind.

Bedeuten Dir Bergerlebnisse in Deiner Wahlheimat Füssen genauso viel oder sind diese anders für Dich?

Alix von Melle:

Ich würde sagen, sie sind anders für mich.Bei den Reisen in die fernen Länder wertschätzt man auch das, was man zuhause hat. Daheim ist es am Schönsten! Wo ich von der Haustür mit dem Mountainbike weg radeln oder bergsteigen kann, auf den Säuling z.B.

 Trotzdem möchte ich die Erfahrungen und Erlebnisse an den hohen Bergen nicht missen, sie sind auf einer anderen Ebene etwas ganz Besonderes. Ein schönes Gipfelerlebnis ist unabhängig von der Höhe!

 Jetzt bin ich nicht mehr Ende zwanzig, sondern Ende vierzig. So ewig lange werden mich die ganz hohen Berge nicht mehr begleiten, aber die niedrigeren Berge werden mich noch ganz lange begleiten, und später freue ich mich darauf, wieder mehr in den Alpen zu machen, solange ich gesund bleibe!

 

Frage 2:

Eine Achttausenderbesteigung ist eine Ausnahmeleistung, die extrem viel MUT und Kraft verlangt.

Gab es Momente, wo Dich der MUT zu verlassen drohte? Was machst Du dann? Wie bewältigst Du eine solche krisenhafte Situation?

Alix von Melle:

Es können technisch gesehen, sehr anspruchsvolle Routen sein, aber auch auf die Höhe muss man sich gut vorbereiten! Die Verwendung von künstlichem Sauerstoff degradiert einen 8000er zu einem 6000er. Ich selbst bin an den hohen Bergen bisher immer ohne künstlichen Sauerstoff unterwegs, by fair means . Da braucht man Mut, und ich denke, dass ich schon ein mutiger Mensch bin.

Doch wenn man 8 Wochen lang an einem 8000er unterwegs ist, da gibt es Hochs und Tiefs! Nach jedem Tief kommt ein Hoch und andersherum. Es gibt immer Situationen, ob auf Expedition, oder auch sonst im Leben, wo einen auch mal der Mut verlässt. Ich setze mir dann Zwischenziele. Wenn ich erkältet im Basislager bin, denke ich noch gar nicht an den Gipfel!

Vor der Abreise denke ich daran, erst mal daran, den Flug gut zu überstehen, auf manchmal abenteuerlichen Wegen zum Basislager zu kommen, die höheren Lager aufzubauen, eben Step by Step.

Wenn es mal beschwerlich wird oder ich mich mal nicht so gut fühle, dann versuche ich immer, an etwas Schönes zu denken! Ablenken, an ein Buch denken, welche Freunde ich zuhause wieder treffen will, und „nebenbei“ hochzusteigen.

Das sind wirklich so Dinge, die kann man beim Bergsteigen anwenden, oder auf den Beruf, das normale Leben, eigentlich auf alles!

Gab es auch mal eine Situation, wo Du mal richtig Angst verspürt hast?

Alix von Melle:

Ja, das gab es tatsächlich! Am Manaslu beim 1. Versuch 2012. Da sind wir am Gipfelgang in ein Gewitterinferno gekommen, wir haben sofort abgebrochen, sind abgestiegen und auf ein flaches Plateau gekommen, sehr ausgesetzt, die Blitze sind um uns herum eingeschlagen, und haben die Elektrizität gespürt an den Pickeln, Steigeisen, usw. Da habe ich schon wirklich Angst gehabt, und mich dann aber auf das Nächstliegende konzentriert, eben Schritt für Schritt runterzukommen, so daß ich die Angst dann insofern ausgeblendet habe, um nicht in Panik zu verfallen.

 

Frage 3:

Nach solchen langen Expeditionen und auch nach dem vielen harten Training braucht man bestimmt einen GEGENPOL oder ein ENTSPANNUNGsinstrument. Was kann das für dich sein?

Alix von Melle:

Einen Gegenpol finde ich ganz wichtig! Wenn sich alles um die Berge drehen würde, das wäre mir zu wenig. Yoga ist für mich ein ganz toller Ausgleich, wo man sich auf körperlicher Ebene erholen kann, aber auch auf geistiger. Ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch und Yoga hat mich gelehrt, geduldiger zu werden, z.B. die Atemübungen finde ich ganz spannend, die bringen auch viel beim Höhenbergsteigen. Yoga ist nicht mehr wegzudenken aus meinem Leben. Aber ich lese auch wahnsinnig gerne Bücher und seit einiger Zeit habe ich mit dem Nähen angefangen, das ist für mich eine ganz andere, kreative Tätigkeit. Ich genieße es total, das mit anderen auszuüben, die gar nichts mit dem Bergsteigen zu tun haben. Das finde ich ganz wichtig. Was ich auf Expedition oft vermisse, Freunde, daß ich mit jemandem bei einem Capuccino gute Gespräche führen kann, dass das Bergsteigen nicht der einzige Bereich ist, der mein Leben bestimmt.

Also einen kleinen Abstand brauchst Du mal immer?

Alix von Melle:

Ja! Ein kleiner Abstand ist einfach für den Geist wichtig und gut!

 

Frage 4:

Ich selber habe früher gerne Biografien gelesen. Andere wiederum hatten bestimmte Erlebnisse, die sie zu ihrem Tun inspirierten.

Gab oder gibt es LEITBILDER in deinem Leben?

Alix von Melle:

Das hat sich witzigerweise bei mir sehr verändert! Ich habe früher Bergsteigerbiografien gelesen, über Alison Hargreaves beispielsweise, eine britische Extrembergsteigerin oder über Edurne Pasaban, die alle vierzehn 8000er bestiegen hat und die ich persönlich bei ihrer Buchvorstellung getroffen habe und andere. Inzwischen lese ich gar keine Bergsteigerbücher mehr, da ich in Bezug auf die vorhergehende Frage finde, daß mich die Berge schon genug in meinem Leben beeinflussen, und da muss es nicht auch noch über das Lesen sein. Und ich finde, ich muss meinen eigenen Weg gehen, möchte niemanden nachahmen, ich muss mit meinem eigenen Weg glücklich sein.

 

Frage 5:

Was bedeutet dir der Begriff NACHHALTIGKEIT ? Der Begriff ist in aller Munde, doch was ist das für DICH?

Alix von Melle:

Wenn ich das Wort höre, kriege ich erst einmal ein schlechtes Gewissen. Weil diese Fernreisen, die ich betreibe, die Expeditionen, natürlich überhaupt nicht nachhaltig sind! Da setze ich mich in den Flieger, und fliege erst mal um die halbe Welt, um einen Berg zu besteigen. Letztes Jahr war ich in Chile, um mir einen langgehegten Traum von Skitouren auf die chilenischen Vulkane zu erfüllen.

 Wir waren knapp drei Wochen unterwegs, ich fand, dass es ein tolles Erlebnis war, aber eigentlich haben wir die gleichen tollen Berge im Lechtal und brauchen dafür nicht um die halbe Welt zu fliegen und 15000km zurückzulegen. Deswegen muss ich schon ehrlich sagen, meine Expeditionen sind nicht sehr nachhaltig, aber Laster hat man ja immer im Leben und bei mir ist das die Fliegerei mit den Fernreisen. Dann vor Ort wohnen wir in den Lodges, unterstützen den einheimischen Tourismus in Nepal beispielsweise, die Sherpas z.B. und Köche, die davon leben, nehmen den Müll mit, das klappt sehr gut.

In meinem privaten Leben habe ich mich ganz schön verändert. Ich gucke sehr genau was ist nachhaltig oder was kann ich selber verändern. Plastik bei Gemüse oder den Bioapfel aus Argentinien. Es muss nicht immer Bio sein, Regionalität ist mir wichtig. Bei Bekleidung trage ich im Alltag gar nicht mehr so gerne Kunstfasern,wobei die im Sport Vorteile haben. Inzwischen trage ich z.B. gerne Merinounterwäsche.

Heute, als wir beim Fotoshooting für Wildfräulein unterwegs waren, finde ich das ein ganz wunderbares Material, das hält richtig, richtig lange, und da brauche ich nicht ständig die Waschmaschine anschmeißen; Walk wasche ich gar nicht. Da verbrauche ich gar kein oder viel weniger Waschmittel und Wasser.

Das sind so Sachen, wo ich nicht unbedingt ein Vorbild bin, aber ich beobachte mich selber. Das ist ein erster Schritt, dass einem das selber auffällt, oder dass ich meine Einkaufstasche einfach selber mitnehme und da Obst und Gemüse ohne Plastik einpacke. Bei Bekleidung fällt mir ein, dass man was nähen oder flicken kann, wenn etwas kaputt ist, es muss nicht immer alles neu gekauft werden!

Ich hasse Autofahren! Man kommt als Bergsteiger nur ohne Auto leider nicht ganz aus. Ich nutze aber immer den Zug für lange Strecken, verändere mich mehr in Richtung Nachhaltigkeit in meinem Leben.

Würdest du sagen, daß man jetzt mehr darüber nachdenkt?

Alix von Melle:

Ich glaube schon, daß grundsätzlich das Bewusstsein für die Umwelt, das Klima und Nachhaltigkeit stärker geworden ist in den letzten Jahren. In meinem Bereich der Bergsteigerei sehe ich das zum Beispiel ganz krass am Rückgang der Gletscher weltweit. Das ist schon trostlos! Wir haben es selber herausgefordert. Aber es ist nie zu spät, etwas zu verändern. Und wenn man nur im Kleinen etwas verändert. Das finde ich schon viel wert. Dass man selber darauf achtet, was man konsumiert oder sich fragt , ob es die fünfte Goretexjacke sein muss oder es die alte auch noch tut, nochmal imprägniert, langlebiger denkt, oder jede Modewelle mitmachen muss. Ich muss jetzt manchmal lachen, als ich angefangen habe mit dem Skitourengehen, da war Türkis in, und wenn man lange genug wartet, dann kommen die Farben ja wieder!

( Wir lachen beide herzhaft)

Viele kleine Schritte führen auch zum Ziel!

Vielen Dank für das tolle Interview und dass Du uns an Deinen Eindrücken und Gedanken hast teilhaben lassen, liebe Alix!

 

Ich wünsche Dir weiterhin viel Freude und Glück bei all Deinen Touren, und auch sonst in Deinem vielseitigen Leben.

Bleib gesund und einfach so frisch und sympathisch, wie Du bist!!

Wanderung in Oberstdorf, Mai 2020

Interview und Fotos: Sabine Manteuffel

Links:

 

Homepage von Alix von Melle und Luis Stitzinger: www.goclimbamountain.de

 

Yogakurse von Alix von Melle : www.goclimbamountain.de

 

Facebookseite von Alix von Melle und Luis Stitzinger : https://www.facebook.com/Alix-von-Melle-Luis-Stitzinger-393510677461609/

 

Instagramaccount Alix von Melle und Luis Stitzinger: https://www.instagram.com/alixundluis/?hl=de

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